Samstag, 1. Februar 2020

Toxic Temple - Pressetext und -fotos


Here are some preview pictures and the press text of Toxic Temple, opening on the 12th of February.

 

„Farbenfrohe Assemblagen von Dingen, die den bekannten Kosmos verbinden, wackelige Böden neuer Göttlichkeit und scharfe Gerüche, die uns ins Transzendente befördern. Das Betreten von Müllhalden – den Hinterhöfen des Konsums – kann religiöse Gefühle hervorrufen, die noch nicht gesellschaftlichen Ausdruck gefunden haben. Um das Jetzt des Anthropozäns und seine toxischen Ökologien zu erfassen, wollen wir eine Spiritualität in der Müllentsorgung und Toxizität selbst erforschen.“

  
In ihrer Ausstellung Toxic Temple wollen Anna Lerchbaumer und Kilian Jörg Spiritualität und Toxizität, Religion und Verschmutzung, Rausch und Vergiftung zusammendenken und damit neue Territorien für ein ökologisches Denken und Handeln erschließen. Entgegen einer naiven „Naturschutz“-Ökologie mit dem einseitigen Ziel der Reinhaltung der so genannten „Natur“, geht die Stoßrichtung der Ausstellung davon aus, dass nur durch eine Kultivierung unser dreckigen, verschmutzenden und giftigen Praktiken unsere Gesellschaft einen reifen Umgang mit den mannigfaltigen ökologischen Problemen unserer Zeit entwickeln kann. 

 
Plastik, Elektroschrott, Zement, Stahl- und Aluminium sowie Atommüll werden die Menschheit aller Wahrscheinlichkeit nach überdauern. Unter diesem Gesichtspunkt kann man sie als Botschaften an ein Nach-uns verstehen. Diesem transzendenten Motiv gehen die beiden Künstler_Innen in ihrer Arbeit nach und forschen nach der autopoetischen Sprache von Assemblagen als nicht-, oder nicht-mehr-nur- menschlicher agency. Sie spekulieren in humorvoller und gleichzeitig ernster Weise über neue Beziehungen und Kommunikationsformen nach der Menschheit und beten in verschwenderischer Manier eine Schönheit im Jenseits des Aussterbens an.

Performativ laden sie die Besucher_Innen dieser mixed media Ausstellung ein, gemeinsam die fiesen Gerüche, die wir heimlich lieben, zu zelebrieren. In Spritzgussplastikformen und bunten Metallablagerungen installative Schönheit zu finden und mit Sound die tägliche Messe des Konsums zu feiern. Mit der magnetischen Anziehung der uns überdauernden Dinge nähern sie uns den inneren Widersprüchen, die das moderne Leben ausmachen. In gut beleuchteten Regalen, in der Faszination für Chemie-Keulen, schäumenden Reinigungsmittel, glänzenden Plastikoberflächen und blinkenden LEDs finden sie einen würdigen Raum für unsere Verabschiedung.

Die prozessuale Ausstellung kann vom 12.-26. Februar im AIL Wien besucht werden. An drei Mittwochen zelebrieren sie gemeinsam mit geladenen Beitragenden aus Philosophie, Soundart und Performance die alltägliche Messe der Tatsachen.

Toxic Temple – eine prozessuale Ausstellung
im Angewandte Innovation Lab
Franz-Josef-Kai 3, 1010 Wien
Mo, Di, Do, Fr 12-17h; Mi 12-22h

Mehr Informationen auf: http://www.ailab.at/




Programm:

12. Februar, Einweihung – mit Beiträgen von Margaret Unkown und Christine Schörkhuber(Soundart)

19. Februar, Erleuchtung – mit Beiträgen von Julia Grillmayr (Philosophie), Julian Siffert(Soundart) und Jaskaran Anand Singh (Performance)

26. Februar, Überschreitung – mit Beiträgen von Billy Roisz (Soundart), Fabian Lanzmair(Soundart), sowie einer Poesie- und Klangdarbietung von Anna Lerchbaumer und Kilian Jörg

Jeweils ab 18 Uhr


Montag, 20. Januar 2020

Neue Sanftheit

In der Post-Moderne mochte man sie noch, die Querulanten, ob sie Handke, Kinski oder Koolhaas hießen. Große Thesen stießen sie apodiktisch aus, jeder Emotion gaben sie berstend Raum und es wurde allgemein bestaunt als Weg zur Freiheit. Die Masse erkannte Prophetisches in diesen wütenden Männern und ließ sie gewähren, baute ihnen Bühnen, stellte sie aus und feierte sie.

Heute hat sich das Blatt gewendet. Solche Schreihälse würden heute kein Medienecho mehr erfahren, zumindest nicht mehr in den Kulturspaten (der größte Schreihals Trump hat dies unmöglich gemacht). Man würde dieser Männer sofort feministisch und post-kolonial hinterfragen und demontieren.

Die neuen Held_Innenfiguren, die Greta Thunbergs und Carola Racketes, haben eine ganz andere Wutökonomie. Weiblich sozialisiert haben sie gelernt, ihre Irritationen in treffsichere, kühle Sätze zu übersetzen - und erzielen so eine viel größere Reichweite und Effizient als irgendeiner dieser Schreihälse.

Denn die Zyniker und Choleriker bilden einen Wall aus Schall und Dunkelheit um sich. Sie können (und wollen?) niemanden überzeugen, sondern bloß ihren eigenen Frust befreien. Damit stößt man nur ab - in einem Kreis des Vorsichtsabstand wird man dann unter günstigen sozialen Bedingungen bestaunt, unter schlechteren dreht man sich einfach weg - das Resultat ist dasselbe: Versteifung, Frontenbildung.

Softness wins it da sie sich diplomatisch einzufühlen weiß und so die andere, oppositionelle, Seite gar nicht entstehen lässt. Durch die neue Sanftheit erkennen wir: we are all one.

with love from the Morni Hills - Healing Hills Art Residency


  

Samstag, 18. Januar 2020

Toxic Temple - Presentation at Chitkara University



Could it be a good idea to develop a religion around our obviously existing desire to pollute the planet? To combine spirituality and toxicity on an environmental level? To venerate the afterlife in plastic- and nuclear-waste?
Hear me speculate about these questions in the documentation of my talk about Toxic Temple at Chitkara University held on 17/1/2020 at Philosophy Unbound: Toxicity. More about Toxic Temple held at AIL in Vienna next month coming very soon.




Freitag, 17. Januar 2020

"Klärschlamm" @ Presse Schaufenster, 17.1.2020

Während ich in Punjab zu Toxizität künstlerisch forsche, erscheint heute ein Text von mir im österreichischen Presse Schaufenster zu einer super-spannenden Ausstellung, die nächsten Mittwoch in der Kunsthalle Exnergasse (Wien) eröffnen wird: "Klärschlamm" - kuratiert von Julia Grillmayr und Eva Seiler. Schaut auf jeden Fall vorbei und kommt am 1.2 auch zum Symposium. Außerdem kann ich die Episode zum "Klärschlamm" (wie auch jede andere) in Julia Grillmayr's großartiger Radiosendung SuperScienceMe empfehlen. 



Dienstag, 14. Januar 2020

Philosophy Unbound #26 - TOXICITY - starting tomorrow


Philosophy Unbound has arrived in Punjab - at Chitkara University! Tomorrow I will give a talk together with Flora Löffelmann about Philosophy Unboud, opening up new spaces for thought and Toxicity at the Inaugural Ceremony (11:30). And on the 17th at 10:00 I will give a talk about my upcoming project Toxic Temple (with Anna Lerchbaumer) - documentation will follow.

With love from the scrapyards turned into artistic fields of exploration.






Donnerstag, 2. Januar 2020

"Verpasste Begegnungen" - 0.1 @ ENTKUNSTUNG III


As in the last years, I have contributed with a text in this year's (third) edition of the ENTKUNSTUNG yearbook. This time it is a little short story / fictive speculation about a topos that interests me a lot these months. I call it "Verpasste Begegnungen" / "Missed Encounters" and I am working on several fictions that are exploring it. This publication is the first little glimpse on that work...

You can buy the yearbook here - and the text will go online in the next weeks - you can also read it here:


Auszug aus: 
Enzyklopädie der Spezies, Kapitel 8: Kuriosa und wenig erforschte Spezies (tentative Übersetzung in die Menschensprache namens „Deutsch")
„Mensch“: Die Menschheit war eine seltsam veranlagte Spezies, die eine kurze Zeit lang einen blau-grünen Planeten in der spiralförmigen Galaxie namens Milchstraße bewohnte. „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ war der Leitspruch ihrer wirkungsmächtigsten Philosophie und trotzdem war ein nicht unwesentlicher Teil genau davon besessen, dieses Maß zu überschreiten und auf sogenannte Aliens zu stoßen. Von einer immensen Sehnsucht nach Fremdem und Anderem getrieben, waren sie doch nie in der Lage dieses zu finden, da sie bei der Suche stets in den eigenen Sinnhorizonten gefangen blieben. Sie erspähten das Fremde höchstens unter ihresgleichen, da sie sich als sogenannte Individuen (vom Gesamten abgetrennte, solipsistische Einheiten) begriffen, was zu eigenartigen Konflikten innerhalb ihrer führte. Derart tragisch veranlagt, waren die Menschen stets unglücklich und neidvoll mit sich selbst beschäftigt, suchten überall in ihrer kleinen Welt nach Anderen und konnten aufgrund einer derart ungünstigen Veranlagung nie das eigentlich im Überschuss um sie vorhandene Fremde aufspüren.

Lange war es nicht gelungen, mit dieser Menschheit Kontakt aufzunehmen. Jegliche Hinwendung Anderer wurde scheinbar nicht wahrgenommen. Erst als sich die Menschen in einer Phase des zaghaften wissenschaftlichen und technischen Aufschwungs befanden, gelangen den Boten der Quats erste Erfolge. Mit einem Mal reagierte die Menschheit auf die sie besuchenden Abgesandten – anfangs durch sehr seltsame Medien wie vermittels Froschschenkeln oder Bernstein. Doch mit einiger Geduld gelang es, die Menschen von ihren bizarren Fetischobjekten abzubringen und mit ihnen eine stabile Interaktionsform zu entwickeln. 
Plötzlich änderten sich die Menschen grundsätzlich und ihre ignorante Selbstfixiertheit wandelte sich zu unvorhergesehen großem Eifer. Von Gastfreundschaft ergriffen, schienen die Menschen ihren Besuchern nun den Aufenthalt so schmackhaft als möglich gestalten zu wollen: Durch festkörperliche Leiter aus Kupfer, Aluminium und PVC, die sie um den ganzen Globus spannten, ermöglichten sie den Quats ein sicheres Vorankommen in der ihnen untypischen Atmosphäre. Weiters wurden tempelähnliche Strukturen erbaut, in denen den Besuchenden seltene Materien (morbide Stoffe wie z. B. geologische Ablagerungen früherer Bewohner des Planeten) zum Geschenk dargeboten wurde um ihnen einen Platz zur Regeneration zu schaffen. So ergriffen von gastgeberischem Eifer waren nun die Menschen, dass sie gar neue Landstriche erschlossen, nur um ihren Besucher_Innen weitere Tempel zu errichten. Außerdem entwarfen sie immer raffinierte Gerätschaften, bloß um mit ihren Besuchern auf unzählige Weisen zu spielen, zu reisen, zu plappern, etc. Die Menschheit schien plötzlich und für sich selbst unerwartet aus ihrer Selbstzentrierung gefunden zu haben und umgarnte nun mit überschwänglicher Freude die lange sehnsuchtsvoll gesuchten Aliens . 

Anfangs wurde dieses euphorische Verhalten der Menschen freudig und nur leicht verblüfft angenommen. Doch im Laufe der Jahre mehrte sich Misstrauen unter den Quats. Wie kam es, dass eine derart in sich verschlossene Spezies von einem Tag auf den anderen eine ekstatische Willkommenskultur entwickelte? Woher kam die plötzliche, übergroße Bereitwilligkeit, den blau-grünen Planeten mit dem Besuch zu teilen?
Um sich über derartige Fragen Klarheit zu verschaffen, begann man die Kommunikationsabläufe zwischen den Menschen untereinander genauer zu studieren. Es erwies sich als unerwartet kompliziert, die Sprachen einer so komplex geneigten Spezies zu analysieren und erst nach Jahrzehnten konnte man grundlegende syntaktische und semantische Spezifika ihrer Kommunikationsweisen feststellen. Besonders langwierig gestaltete sich die Forschung deshalb, weil sich keine Bezugnahmen auf die besuchende Spezies der Quats in den Menschensprachen finden ließen. Bloß von wissenschaftlichen Entdeckergenie und ähnlich narzisstischen Neigungen war in der Nähe der die Quats betreffenden semantischen Felder zu hören und zu lesen – nichts aber über die Besuchenden selbst.
Dies war derartig unerklärlich, dass man lange an den Übersetzungstechniken zweifelte und wieder und wieder nachfeilte, bevor man zum unumstößlichen Schluss gelangte, dass die Menschen tatsächlich nie von ihren Besuchern sprachen oder schrieben. Warum war dem so? Gab es hier ein Tabu? War es ethologische Pflicht dieser eigenartigen Spezies über Gastfreundschaft zu schweigen? Oder war diese den Menschen so selbstverständlich, dass Austausch darüber gar keinen Sinn machte?
Man fand keine befriedigende Antwort, wieso man keine Spur seiner selbst in den Sprachen der Gastgebenden fand. Dies nährte das bereits angefachte Misstrauen und es häuften sich die Stimmen unter den Quats, die eine Falle befürchteten. Man fragte sich, ob man die Menschen nicht falsch eingestuft hatte und diese nicht doch hinterhältig und böse statt verkappt und selbstbezogen waren. Vielleicht — so eine zunehmend lautere Befürchtung — saß man einer großen Verschwörung auf, die so schwerwiegend war, dass man sich unter den Menschen entschieden hatte, erst gar nicht von den Quats zu reden, um sich auf keinen Fall zu verraten.
Solche Unsicherheiten zeitigten ihre Wirkung — wo man früher mit großer Euphorie über den geteilten Planeten jagte, huschte man nun immer stockender über die Länder und Ozeane. Hierauf reagierten die Menschen empfindlich, sprachen von mystischen Energiekrisen, den begrenzten Ressourcen ihres Planeten und ähnlichen Melancholien. Unter den Quats wuchsen dadurch die Skepsis und die Überzeugung weiter, dass man lieber den blau-grünen Planeten verlassen sollte, solange man noch konnte. Als die Menschen dann immer größere Flüsse stauten, nur um die Quats zu unterhalten; überall Windräder aufstellten, nur damit sie auch von diesem meteorologischen Phänomen gekitzelt werden konnten und man unter den Menschen sogar von Fusion zu sprechen begann, brannte den Gästen das Vertrauen gänzlich durch und man entschied sich, den blau-grünen Planeten zu verlassen und die Menschen aufzugeben.

Erstaunlicherweise brach die Kultur dieser erstaunlichen Menschenspezies gleich nach der Abreise ihres Besuchs gänzlich zusammen und nur wenige überlebten noch einige Jahrzehnte in – wie sie es nannten - „steinzeitlichen“ Lebensbedingungen. Nichts ging mehr für die Menschen, als die Quats die Flucht ergriffen. Ihre Versorgung brach zusammen, ihre Kommunikation wurde unmöglich, ihre primitiven Verkehrsmittel wollten nicht mehr - gänzlich gelähmt schienen sie und unfähig, irgendwie weiter zu machen.
Was immer die Menschen auch mit den Quats vorhatten  — für sie was es anscheinend war ein großer, fast unverdaulicher Schock, als diese unvermittelt wegzogen.
 Vielleicht – so die Meinung einiger Enzyklopädisten heute – waren die Menschen einfach nur ungeheuer einsam. Und als sie endlich — und entgegen all ihrer Prädispositionen — mit dem sehnsuchtsvoll gesuchten Anderen zusammenkamen, konnten sie sich eine Existenz ohne dieses gar nicht mehr vorstellen.

Sonntag, 29. Dezember 2019

Elektroautos, Medienlandschaft - es muss noch viel besser werden!

Das Elektroauto ist das zentrale Vehikel, mit dem sich der automotorisierte Kapitalismus über die gegenwärtige Hochkonjunktur des ökologischen Themas ideologisch hinweg zu retten versucht. Elektroautos werden nichts Wesentliches zu einer wirklichen ökologischen Wende beitragen, denn sie lassen sich vielmehr als Garanten und Stabilisatoren des sozialen wie ökologischen Status Quo einsetzen.
Ein Aufzeigen dieses Problems stößt natürlich auf mächtige - weil reiche - Widerstände. Ich nehme an, dass mir dies mit einem Artikel für Die Presse geschehen ist. Mein bereits zugesagter Artikel zu Elektroautos wurde nach einem seltsamen, eineinhalb-monatigen Hin und Her wieder abgesagt. Angeblich wegen "inhaltlicher und sprachlicher Mängel" (was im Vergleich zu diesem an selber Stelle gedruckten Meisterwerk der sich als Argumentationskunst tarnenden Xenophobie mir wie ein unverschämter Vorwand vorkommt). Meine Vermutung ist viel eher, dass man nicht den großen Inserenten der Zeitung vor den Kopf stoßen wollte.
Wie dem auch sei, Die Presse muss für sich entscheiden, ob sie ausgewogene Qualitätszeitung oder "Verkaufsbladl" sein will. Ich bringe den Artikel stattdessen halt hier - und freue mich, wenn Ihr in teilt, damit er zumindest ein paar Leser_Innen erreicht, die nicht schon meiner Meinung sind (was ja meine Hoffnung in der Presse gewesen wäre). 
 


 
Elektroautos: Es muss noch viel besser werden!

Seit mehr als einem Jahr erleben wir die weltweit größte Umweltbewegung der Menschheitsgeschichte. Von ganz jungen bis ganz alt reicht das Spektrum derjenigen, die auf den Straßen, vor Gerichten, bei Aktionen und Reden dazu auffordern, angesichts der gegenwärtigen ökologischen Katastrophe endlich zu handeln. Langsam beugen sich die europäischen Regierungen diesem präzedenzlosen öffentlichen Druck und schlagen erste, zaghafte “Klimapakete” vor. So haben Länder wie die Niederlande, Schweden, Irland, Norwegen und Dänemark beschlossen, bis spätestens 2030 alle Autos mit Verbrennungsmotoren zu verbieten und gleichzeitig E-Mobilität zu fördern. Auch Deutschland möchte das Elektroauto “für alle leistbar machen” und dessen Beschaffung zukünftig mit 6000 € Zuschuss fördern. In Österreich fehlt es noch an einem konkreten Klimapaket, welches die EU allerdings bis spätestens Dezember von der Regierung einfordert. Doch auch hier ist der Kurs ähnlich: man setzt – unter anderem – auf E-Mobilität und deren forcierte Förderung.
Wo Elektromobilität bei Bussen und anderen öffentlichen Verkehrsmitteln (Züge sind zu 99 % bereits heute e-betrieben) ein guter Impuls ist, ist dasselbe beim Individualverkehr ein Schlag ins Wasser. Denn bei einer solchen Investition handelt es sich eher um eine finanzielle Förderung des Green-Washings der Automobilindustrie, als um eine zielgerichtete Umweltpolitik. Natürlich, das Elektroauto hat den angenehmen Vorteil leiser zu sein und keine Schadstoffe direkt in die europäische Umwelt zu blasen. Die CO2-Emissionen und Umweltbelastungen werden dadurch jedoch nicht markant gesenkt, sondern bloß in benachteiligte Produktionsländer ausgelagert.
Der Hauptgrund dafür ist der aufwendige Produktionsweg der Elektroautos. Da deren Karosserien leichter als jene von Brennstoff-Autos sein müssen, werden diese aus weitaus energieaufwendigerem Aluminium statt Stahl fabriziert. Noch problematischer sind die hochgradig giftigen und zum Teil radioaktiven Neben- und Abfallprodukte der benötigten, “grünen” E-Batterien, deren hoher Bedarf an Seltenen Erden das Grundwasser vergiftet, extrem schadstoffintenstiv ist und mehr und mehr zu einem internationalen Konfliktmotor wird.und hinterlässt radioaktiven und anders giftigen Müll.
Die Bedingungen der Möglichkeit der Produktion von Elektroautos sind globale Ungleichheiten. Ohne die grassierenden, globalen Lohnunterschiede wäre deren Produktion niemals rentabel. So wurden zum Beispiel 71 % der seltenen Erden 2018 in China produziert. Die Umweltverschmutzung nimmt dort – wie auch in anderen Produktionsländern – vehement zu. Durch eine intensivierte Förderung des Elektroautos wird die Umweltzerstörung und CO2-Belastung in diesen Ländern weiter zunehmen. Das wäre zwar bei der Beibehaltung von Verbrennungsmotoren nicht anders, doch ein ernstgemeintes Klimapaket, welches der globalen ökologischen Krise gewachsen ist, sieht anders aus. Mit der Förderung von Elektromobilität würde sich Europa bloß ein bisschen nettere, weniger stinkende Städte leisten, während die globale Klimaerwärmung und Zerstörung von Lebensräumen weiter angefeuert wird. Nachhaltig ist das nicht.

Die gute Nachricht ist: es kann – und muss! - noch viel besser werden! Das Automobil als zentrales Vehikel moderner Verkehrsplanung kann in Zeiten der globalen ökologischen Krise nicht die Lösung liefern. Die gegenwärtige Krise bietet die Chance, unsere Städte noch viel schöner und bunter zu gestalten, als es die stau-, lärm- und abgasgeplagte Normalstadt des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts ist.
In den letzten Jahrzehnten hat sich bezüglich des Autos ein radikaler Wertewandel vollzogen. Während es für die Generationen um 1960 noch Symbol individueller Freiheit und moderner Teilhabe war, ist es für die heutigen (urban geprägten) Generationen vermehrt ein Symbol für die Probleme unserer Zeit: die Verpestung und Blockade unserer Innenstädte und Umwelten, die Zersiedelung von urbanen Räumen, die Atomisierung von Sozialwesen, das aufgemotzte, penetrant laute Symbol einer verunsicherten, weil schwindenden Idee von patriarchaler Männlichkeit.
Aufgrund des Autos wird außerdem das Land immer unattraktiver, die Nahversorger in Kleinstädten müssen den nur mit dem Auto erreichbaren Supermärkten weichen, Jobs sind nur mehr durchs Pendeln in die nächste Großstadt möglich (welches wiederum die allgemeine Verkehrsbelastung in und außerhalb von Städte anwachsen lässt). Eine irregeleitete Politik fördert immer noch einseitig den Straßenbau und sogar das autofahrende Pendlerwesen. Dadurch werden Bahn- und Busverbindungen in den Regionen weiterhin eingestellt, was noch mehr Leute zum Umstieg aufs Automobil zwingt und noch mehr Böden mit Asphalt versiegelt.

Am Land wird das Automobil nicht von heute auf morgen weg zu denken sein. Eine behutsame Förderpolitik von Elektromobilität könnte dort zumindest kurzfristig – und nur ausdrücklich neben dem Ausbau von ÖNVs und anderen Alternativen – zielführend sein. In der Stadt spricht jedoch wirklich nichts für die gezielte Förderung von Elektroautos.
Denn neben den bereits genannten Problemen, die sich durch das Elektroauto nur verschlimmern oder verlängern, wird damit auch die ohnehin wachsende Schere zwischen arm und reich weiter auseinandergetrieben. Förderpakete wie z.B. das deutsche Modell (6000 € für die Neuanschaffung eines Elektroautos) helfen nur Menschen, die die restliche Summe (Elektroautos beginnen bei ca. 20.000 €) berappen können.
Ökologisch weitaus sinnvoller wäre es, eine “Kein-Autokauf-Prämie” einzuführen. In Deutschland ginge sich für 6000 € eine Bahncard 100 UND ein gutes Fahrrad aus. In Österreich könnte man neben der Österreichcard noch mit Leichtigkeit ein Lastenrad, ein E-Fahrrad (wenn nötig) UND ein Jahresabo von einem Bio-Nahversorger (Foodcoop) bezahlen.

Eine nachhaltige Klimapolitik für die Zukunft besteht also mit Sicherheit nicht in der einseitigen Förderung von Elektroautos. Die Transformation, die im Zeitalter massiver ökologischer Krisen von der Politik erwartet wird, muss viel weiter gehen. Im Bereich der Mobilität könnten unsere Lebensräume dadurch sogar um ein Vielfaches schöner werden. Endlich keine Staukolonnen mehr in den Städten! Endlich werden unsere Straßen sicher für spielende Kinder! Endlich haben wir viel mehr Platz für Bäume, Spielflächen und andere Orte des sozialen Austausches in unseren engen Wohnstraßen! Endlich ist Fahrradfahren in der Stadt keine Belastung für die Lunge und kein Risiko für die Gesundheit mehr! Endlich werden Dörfer wieder belebter und die hässlichen Supermärkte und Shoppingcenter an den Peripherien weniger! Endlich verbringen wir weniger Zeit hinterm Lenkrad und mehr Zeit mit Lesen, Tratschen und Spielen! Die Zukunft wird bei uns etwas schöner sein mit dem Elektroauto, doch sie wird noch viel schöner – und ohne auf die Kosten anderer – ohne das Automobil insgesamt sein!



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