Freitag, 27. Mai 2016

Transdisciplinary Jam Sessions @ mo.e


Together with sound artists around Garnison7 and the programmers of the intuitive visual software Tagtool I have started to organize a Transdisciplinary Jam Session at mo.e Vienna. After our very promising kick-off on the 8th of April we'll have our second edition this upcoming Monday, the 30th of May. Below you can find the short invitation text plus some more pictures of last time.


Lab for transdisciplinary Jams with light, sound and word. Experienced performers as well as absolute beginners are cordially invited to experiment with new configurations.

Bring your talents, your curiosity or just your presence. We are starting to cook - recipe in the making. Contributions in all mediums are possible and strongly encouraged.
 


Labor für transdisziplinäre Jams in Licht, Ton und Wort. Erfahrene Performer sowie absolute Beginner sind herzlich eingeladen, neue Konfigurationen auszuloten.

Bring deine Fähigkeiten, deine Neugier oder auch nur deine Anwesenheit. Wir beginnen zu kochen! Rezept folgt. Beiträge in allen Medien möglich und erwünscht.








Monday, 30th of May 2016 - 19h30 at mo.e Vienna - Thelemanngasse 4/1, 1170 Vienna



Montag, 23. Mai 2016

Philosophy Unbound #10 - (Dis)placement - 31/5/2016 @ Spektakel & Celeste Vienna

Philosophy Unbound will have its 10th edition on the 31st of May! This time it will be on and around (Dis)placement. Find below the wonderful call & the invitation.

(Dis)placement
Human beings, always in motion. Odysseys and exoduses in myths, emigration of nations in history and nomad life in the biology of evolution. And where do we place ourselves? Which privileges come hand in hand with certain positioning - and how can they be reflected upon and redistributed?
Displacement means deferral, expulsion and eviction. But also replacement, depositioning and distance. Already Marx saw Capitalism as a moving spirit for the dis-placement of humans: as a disappropriation of the rural population in the early modern age, as an eviction from the own land. A deterritorialization. A new placement followed, a reterritorialization of the destitute farmers in the city factories. Machines are invented and Columbus sails to ’America’: displacement of those, who lived there before. At the same time, venture capitalists expand the boundaries of the western world, globalization only seems a few algorithms away.
Displacement can be ent-setzlich (horrid): on perilous routes through deserts, seas and across borders. It can end in camps and prisons, with a suspension of law, in a state of emergency.
But displacement also unleashes subversive powers, it can replace what is established. Literature flourishes in exile, new voices are being heard, colorful, different characters cover the walls. When the unimagined converges, displacement can even become political movement.



Philosophy Unbound #10 will explore the term (Dis)placement in its various forms and interpretations. It will take place on the 31/5/2016 at Spektakel & Celeste Vienna (Hamburger Straße 14 & 18, 1050 Vienna).

Performances at SPEKTAKEL by:
My Sjöberg (perfomance in English)
Robert Prosser (performance in German)
Jad Al Mubaraki (performance in English)
Sandro Huber, Flora Püspök, Sarah Dragovic (performance in German)
Murched Mhanna (musical performance)
Flora Löffelmann, Johannes Siegmund, Oskar May (performance in German)
Hui Ye (video installation)
Anonymes Kollektiv
Open Stage!

Afterparty at Celeste (free donation)
Musik by Mr.M
https://soundcloud.com/mr2m

Doors: 19h
Start: 20h
Entry: Free Donation - Suggestion 5€ (we are a No-Budget Organisation: everything will go to the performers)

More Information tba.
Facebook event

Freitag, 20. Mai 2016

Maschine-Werden @ Release engagée# 3: Auf-/begehren - 21. Mai - mo.ë Vienna

Liebes Wien,

morgen erfolgt das Release der dritten Ausgabe des formidablen und wunderschönen engagée-Magazins im moe. Wir selbst (meine Schreibpartnerin Jorinde Schulz und ich) veröffentlichen darin den Text "Maschine-Werden", der einen Ausschnitt aus unserem derzeitigen Buchprojekt "Die Clubmaschine" bildet.
In ihm gehen wir einem transhumanen Begehren nach, die maschinelle Entfremdung im Clubraum selbst zu spüren. Die postindustrielle Gesellschaft verfällt deshalb dem Clubphänomen, weil sie den Maschinen, die sie verlassen haben, nacheifern wollen - so die These.
Dies werden wir auch performativ umsetzen - und zwar als Skype-, Effekt-, Ton- und Lesemaschinen, die Grenzen und Distanzen überbrücken und der technoiden Entfremdung folgen. Wir sind sehr gespant auf dieses hochgradig von Maschinen abhängige Performance-Experiment.
Neben dem, wird es ein weiteres hochgradiges und immersives Programm geben, das einen tollen Abend ergeben wird. Mehr Infos siehe unten.






Auf-/
begehren

Wann, wenn nicht jetzt!?


/// Eine transmediale Collage aus den Einmischungen von engagée #3, dazu Lesungen/Performances, musikalische live Vertonungen und mutig wuchernde Diskussionen.

WANN: Samstag, 21. Mai, 19h -  22h
WO: mo.ë Vienna - Thelemangasse 4, 1170 Wien
Mehr Infos hier…
Zum Video-Teaser hier ...


   /// Begehren wir auf gegen die Ordnung des Begehrens!


Die dritte Ausgabe von engagée, dem Magazin für politisch-philosophische Einmischungen, widmet sich dem Thema „Begehren". In den zahlreichen und vielfältigen Beiträgen werden gesellschaftliche Zusammenhänge einer kapitalistischen, rassistischen und sexistischen Begierdeordnung aufgespürt. Neben der theoretischen Grundlagenarbeit zum Begriff „Begehren“, mit Rekurs auf Theoretiker_innen wie Butler, Foucault, Spinoza, Lacan, Freud, Guattari und Deleuze, versammelt das Heft auch kritische Auseinandersetzungen und Einschätzungen zu den aktuellen Debatten Migration und Flucht, dem zunehmenden offen auftretenden Rassismus, Überwachsungsmaßnahmen des Staates im Kampf gegen den Terror sowie zur ökologischen Krise und der Repräsentationskrise des Staates.

Freitag, 13. Mai 2016

Griechisches Tagebuch des Niedergangs

ein leicht fiktionalisierter und fokussierter Ausschnitt aus meinem Tagebuch.

1ter Mai 2016, Wien

Gestern haben mir die Wildschweine des Lainzer Tiergartens gelehrt, dass Angst gefährlich ist. Seit der Wahl letzten Sonntag habe ich große, paranoide Angst vor dem Faschistisch-Werden Österreichs und Europas. Diese hat mich in den Wald getrieben, mein stets letztes und liebstes Refugium, um Heilung zu suchen. 
Langsam lösten sich dort die in mir fest gefahrenen Motive und Strukturen, in die ich aus Angst floh - ich musste mit einem Prozess beginnen, um nicht in meiner Rolle zu erstarren. Die Angst macht mich hart und abgeschlossen - genau zu dem, vor dem ich mich fürchte in der FPÖ. Hier muss ich viel lernen, um darüber hinweg zu kommen und nicht selbst ein Teil des Faschistisch-Werdens zu sein.
Liebe ist die Antwort. Liebe, die vielleicht auf nationaler Ebene zur Zeit keine Konjunktur feiern kann, die aber im Lokalen immer stärker ist. Und so wusste ich, als ich vom Hundsturm in Dämmerung durch den Wald abstieg und von wegnahen Wildschweinhorden mit Jungen mehrmals aggressiv angegrunzt wurde, dass hier Angst nichts nützt. In Angst versteife ich mich in jener Position, die die Opposition zur/m Anderen ist und uns in Kampf zueinander bringt. 
Bei den Tieren wissen wir es: man muss ihnen in Liebe seine Absichten offenlegen und sie werden dies lesen können. Ich bleibe am Weg, du bei deinen Jungen. Keine Angst, ich habe auch keine. Wir kommen miteinander aus.
Wollen wir uns auf eine ökologische Gesellschaft hinzubewegen, sollten wir genauso auf die FPÖler zugehen: habe keine Angst, ich bin nicht die / der für die du mich hältst. Alles nicht so schlimm.
Lektion hieraus: vor allem individuell, dann erst politisch: halte dich zumindest selbst heraus aus dieser Kriegsmaschine, die Österreich zu werden droht! Ich muss meine durch die Wahl entzündete Angst vor den Straßen und Männern Wiens überwinden. Ich muss mich wieder wohl fühlen und ihnen keine Angst zeigen, um nicht einer von ihnen zu werden.

2ter Mai 2016, Wien

Wie gut, dass es Clubs gibt. Ihre Atmosphäre, Tanzen im Laserlicht und anonymes Anlächeln unter gedacht Gleichen beruhigen mich ein bisschen, vertreiben sogar den Zweifel, ob die Clubmaschine nicht ein zentraler Teil der Dystopie ist, in der wir unsere Mündigkeit und subversive Kraft effektlos verschwitzen. Ist mir egal, ich fühle mich zumindest wieder offener und wohler nachdem ich durchgetanzt habe.
Die Stimmung im Land macht mir weiter Angst. Hofer plakatiert mit 'Die Stimme der Vernunft', van der Bellen irgendeinen Kram vom 'Heimat' und 'Kraft'. So weit rechts ist der Diskurs schon abgedriftet. Von den Mainstreammedien will ich gar nicht erst schreiben.
Muss ich mich an den Gedanken gewöhnen, in einem totalitären Staat zu leben? Wieviel muss ich von meinem Lebensstil verändern, um meine Haltung (Ethos) zu bewahren?

3ter Mai 2016, Wien

Ich erkenne immer mehr, dass ich bei meinen Lebensvorstellungen und der ihnen konträr verlaufenden politischen Großwetterlage wohl keinen Platz in der Gesellschaft finden werde und wohl eher als 'Aussteiger' in den 'Untergrund' muss: ein finanziell armes Leben, abseits der Komforts der Mainstreamwelt. Auf eine Art bereitet das mir weiterhin Angst, auf eine andere Art steckt hierin eine ungeheure Kraft und Möglichkeit: neue Lebensformen! Hin zu mehr kommunalen Organisationsformen und endlich Schluss mit dem Trotzdem-Irgendwie-Verkrusten in alter Bürgerlichkeit!

++

Prinzipiell bin ich zur Zeit sehr verwirrt und kann mein Denken kaum geordnet halten. Dies sollte ich mehr akzeptieren und für meine Unversehrtheit mit diesem Umstand lächelnd mitfließen.

4ter Mai 2016, Flughafen

Ich richte mich mehr und mehr im Gefühl ein, tatsächlich in der Dystopie zu leben. Hier am Flughafen lässt sich dem besonders leicht nachfühlen.


5ter Mai, Athen 

Mein Freund und Mit-mir-Reisender X. warnt mich davor, zu pessimistisch zu werden und die Hoffnung zu verlieren. Dies sei schlecht für die persönliche Entwicklung, den Charakter. Der Lauf der Welt ist beängstigend, no doubt, aber no future gibt es auch schon seit den 70ern und birgt die Gefahr lähmend, verhärtend und verbitternd zu wirken. 
Es gibt einen Ort in mir, die Pille MDMA hat ihn mir gewiesen, der Glücklichkeit und Verbundenheit ist - der zur Abwechslung der linken Gehirnhälfte den Vortritt lässt und das parasympathische Nervensystem entwickelt. Diesen Ort muss ich domestizieren - ich darf ihn nicht vergessen. Das Zu-viel-über-die-Welt-denken birgt zu sehr die Gefahr der Paranoia ('Alles Erkennen ist paranoid' - Lacan) und außerdem ist eine Trennung zwischen meiner (guten) persönlichen, sozialen Stellung und der Lage der Welt hilfreich, um gesund und fit zu bleiben.
Die Welt ist zu dicht besiedelt, als dass sie gut oder schlecht sein könnte - alles ist so eng verwoben und alles wabbert im Dreck, den man lieben lernen muss. 

6ter Mai, Nauplion


Die Dystopie ist wohl einfach die Begleiterscheinung des logischen Zusammenfalls unserer industriellen Kultur - es sind epiphänomenale Klammereien, die drohen, den Zerfall härter und zu einem katastrophalen Kollaps werden zu lassen. Wir werden uns in eine Art neues Mittelalter (das wir zusehend als historische Fiktion erkennen) bewegen und unsere Machstrukturen werden sich verwaschen (dass sie sich heute zu verhärten scheinen, ist nur eine Etappe davon).
Wie ich es mir schon vor längerer Zeit auf ökonomischer Ebene zusammengezimmert habe, müssen wir den Kollaps (die Dekadenz) nun auch auf kultureller und ökologischer Ebene affimieren lernen. Die Welt ist am Kippen, richten wir uns es in ihr so gut als möglich ein. Verhärten wir uns nicht in Dystopien, sondern lernen wir den Dreck zu schmecken.

++

Hier in Griechenland sieht man recht eindrücklich, wie weit der Kollaps und die ihm verbundene Dystopie schon fortgeschritten sind. Im Best Western essen wir ein Frühstück, dass optisch wie Luxus erscheint, von Qualität und Geschmack aber vielmehr der asbestverseuchten Wandpappe gleicht. Die SUVs zischen wie hermetisch abgeriegelte Panzer durch Land und Stadt, während sich lokal - bei niedrigerer Geschwindigkeit - Verfall, Armut und oft auch Obdachlosigkeit häuft. Die Straßenschilder sind beinahe alle mit Anarchie oder Goldene Morgenröte-Tags übersprayt, die vom Menschen verbaute Landschaft reicht sogar bis in die Bergspitzen, an denen sich Windräder und Waldbrandschneißen - um die letzten Wälder zu retten - sammeln. Immobilienblasen aus billigem Stahlbeton schießen an den unmöglichsten Plätzen aus dem ehemals schönem Boden, oftmals werden sie gar nicht fertig gebaut - manche sind noch von der gegenwärtigen Kapitalakkumulationsblase gefüllt, andere schon wieder leer und verfallen - ihre älteren, historischen Kollegen unter den Bauten überholend. An den Häfen ankern die großen, monochromen Yachten der Ausbeuter_innen, ein öffentliches Linienschiff liegt leck und schief in Piraeus, die Behörden haben sich immerhin noch die Mühe gemacht, einen Ölteppichzaun herum zu spannen.
Auf eine Weise ist das schön - zumindest sollte es unsere Aufgabe sein, eine dem entsprechende Ästhetik zu entwickeln ('Ethik und Ästhetik sind eins' - Wittgenstein). Wir sollten den Niedergang affirmieren, um nicht dem Untergang geweiht zu sein. 
Die Taktik Hollywoods, den unseren Niedergang stets als apokalyptisch-katastrophalen Untergang zu erzählen, ist gefährlich, da sie direkt in dystopische Verhärtung hineinführt, die die Apkalypse bringt: so klammern wir uns an den Status Quo, um den Niedergang noch ein bisschen aufzuhalten, stauen ihn dadurch auf, so dass er zum tatsächlich folgenreichen Untergang wird.


8ter Mai, Astros

Mein Freund X. erzählte mir heute von seiner Besetzerzeit im Kreuzberg der 80er Jahre. Als beinahe die gesamte O-Straße besetzt war und der Senat immer wieder den Bezirk offiziell aufgeben musste. Bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten damals, sagte er, man sammelte sich Ecke Adalbert / Oranien, trank und wartete, bis die Polizei vorbeikam. Dann flogen die ersten Steine - ganze Steinmunitionslager gab es allzeit bereit auf den Dächern. Ziel war es, "die Polizei dauerhaft aus Kreuzberg herauszubekommen" und regelmäßig brannten Gebäude, Autos und Supermärkte. Bei einem der letzteren wurden sogar der anrückenden Feuerwehr die Schläuche zerhackt, um das Löschmanöver zu verhindern.
Heute ist dies alles verschwunden. Die O-Straße gehört teils der Mafia, teils einem Kunstmäzen, der alle Kulturschaffenden vertreibt. Fro-Yo-Stand reiht sich an Fro-Yo-Stand und wechselt sich mit Fastfoodläden für Touris ab. Seit Jahren habe ich mit X. eine Wette am Laufen, wann der erste Starbucks aufmachen wird. Beim diesjährigen 1ten Mai-Aufstand waren 7.500 Polizist_innen alleine in Kreuzberg im Einsatz und versucht man heute ein Haus zu besetzen, ist man innerhalb von 48h verurteilt - so klar ist das Recht auf Seiten der Besitzer_innen, die die Immobilien lieber zunageln und steuerlich abschreiben, als bewohnen lassen.
"Wenn da was nicht mit dem System stimmt."

++

Hier fahren wir durch die griechischen Touriorte und er fragt sich, wie das alles funktionieren soll: Restaurant neben Restaurant, Souvenirladen neben Souvenirladen, Retorte neben Retorte - und für einen Bäcker muss man im gesamten Ort suchen! "Wozu brauchen wir Brot, wenn wir billige Stöckelschuhe made in China haben?!"
"Alles Blasen", antworte ich "Blasen, die den wirtschaftlichen Niedergang aufzuhalten suchen aber dabei umso schlimmere Untergänge verursachen."
Zumindest sind die Leute hier alle sehr nett und freundlich - anders als in z.B. Chile, wo die Wirtschaft rast, aber die Menschen ausgequetscht werden ... und das sah man ihren Gesichtern an. Hier hingegen ist alles entspannt. "Wenn es wirtschaftlich nicht so gut geht, besinnen sich die Menschen auf Werte wie Zusammenleben und Umsicht." Wir schlafen hier auf einem Campingplatz, auf dem ganz viele Dauercamper wohnen - Einfamilienhaus mit Garten mini, und das Ganze viel ökologischer, weil kleiner und kommunaler, weil die Hecken und Gartenzäune fehlen. Und dann rauscht beruhigend das Meer.
"Wenn die Wirtschaft funktioniert, dann sind die Leute unfreundlicher."

9ter Mai, Leonido

Wir fahren die gewundenen Straßen durch den Peleponnes - über Hügel und Täler, bewaldete Hochebenen und gewellte Küstenstreifen. Immer wieder passieren wir Ziegenherden, müssen abbremsen. 
Bei einer liegt eines flach und schlafend mitten auf der Straße. Ein großer Bock eilt hin und stupst es mit der Schnauze an. Es erhebt sich und - näher gerollt - erkennen wir, dass es ein kleiner Wachhund ist, der uns verdutzt im Vorbeifahren ansieht.
"Ich sach ja nisch, aber ditt is eigentlich dein Job, auf die Ziegen aufzupassen und nisch umjekehrt - sach ich nur mal so..."

10ter Mai, Gythio

"Oh - eine tolle Schlucht, und wow!, eine coole Bucht, azurblau - und dahinter, was für eine Bergkette, der Hammer! Und die Hafenstadt da in der Ferne erst, baaaaam!"
"Aber die hast du doch noch nichtmal gesehen."
"Wird aber sicher super sein und he - die Welt ist zu kaputt um kritisch zu sein."
X. verstören die pakistanischen, marrokanischen, syrischen, usw. Gastarbeiter, die hier mit trauriger Miene die Orangenfelder abernten, durch die wir unser bleifreies Benzin jagen. Ich bin jünger und deswegen abgebrühter.


11ter Mai, Spoula

Die Häuser, die hier in die Landschaft geklotzt werden, dass sind unsere Häuser. Ganze Täler werden kantig gepflastert, so dass wir sie kaufen können - dass wir, Briten, Niederländer_innen, Schweizer_innen, Österreicher_innen, Deutsche uns erholen können von der aussaugenden Maschine, die wiederum die südlichen Länder aussaugt. Und es ist auch gar nicht notwendig, dass wir alle diese schier unzählbaren leeren Häuser mit unserem Geld kaufen - so wie es hier in Sachen Leerstand aussieht, sind die meisten der neuen Klötze wohl eh als Spekulationsobjekte und Geldanlagen konzipiert - und wenn jemand von uns*, den neuen alten Kolonialherren und -frauen, dann auch noch einzieht, umso besser! 
Die Fluchtbewegung ist perfekt inkorporiert.

*ob dieses 'uns' tatsächlich auch noch meine Generation beinhaltet, hoffe ich bezweifeln zu können. Ich zähle darauf, dass wir den Niedergang zu Genüge affirmieren lernen um die Dystopie wieder zu verringern. Realistisch ist das nicht. ("Realismus ist die herrschende Ideologie des Systemerhalts - 'es gibt keine Alternativen'" - Marcus Steinweg)

++

Egal. Die Sonne tut mir gut hier, die Leute sind weiter nett, nett und links. Wo Sicherheiten wie Sozialstaat etc. bereits eingebrochen sind, klammern und krampfen die Menschen nicht mehr, sie sind entspannt und sehen, dass es eh auch so irgendwie geht. (Ein "Dritte Welt" Phänomen.) 
Ich komme runter von meinen Ängsten, habe Kraft gesammelt für meine Heimat den Norden, wo alle immer weiter nach rechts gehen, weil wir unseren Besitzstand bewahren wollen. Und bewahren ist vermehren. Oben wird alles immer verhärmter und verbitterter - da muss man sich dann öfters eine Reise in den Süden leisten - sind ja billig, die Flüge!


Mittwoch, 27. April 2016

Gespräche mit Heute & Österreich-Leser_innen

As a preparation for our Werkstatt Österreich Heute, I've had a couple of spontaneous conversations with readers of those free newspapers.
I've written down one of them from memory and would like to share it, for I feel it is quite telling and revelatory.



5ter April 2016, vor der U3 Station Stubentor. Sonnig, 22 Grad. Meine Gesprächspartnerin war zwischen 60 und 70 Jahren, gut gekleidet und sprach ein gehobeneres Wienerisch. Ich begann das Gespräch direkt vor einem Österreich-Ständer.

Kilian: Darf ich Sie fragen, warum Sie die nehmen?

Dame: Das kann ich Ihnen gerne sagen, junger Mann: die Zeitung ist kompakt, handlich und es steht alles drinnen, was man braucht - es gibt ein Rätsel, ein Theaterprogramm ... und gratis ist sich auch!

Kilian: Aber fühlen Sie sich wirklich voll informiert von diesem Blatt?

Dame: Naja, ich gebe Ihnen schon recht, dass es nicht sehr geistreich ist, aber sie sagen zumindest, was Sache ist im Land: hier, wie viel die Präsidentschaftskandidaten verdienen. Und da: Zahl der Radfallunfälle explodiert! Na dass hätte ich auch so gewusst, so kriminell wie die da alle fahren [weist in Richtung Radwege] - da muss nur ein Chines' oder ein Japaner daher kommen und - dann hamma die Geschichte. Passiert ja ständig!

Kilian: Also wenn ich sie richtig verstehe, sind sie der Meinung, dass die Österreich auf die wirklichen Schieflagen aufmerksam macht - und diese nicht produziert?

Dame: Naja, der ORF und die großen Medien sind ja alle gelenkt und gesteuert, das weiß ja jeder. Und die heute und die Österreich - die decken das auf ... und erzählen einfach die Fakten.

Kilian: Aber haben sie nicht auch den Eindruck, dass hierbei ein ausländerfeindlicher Diskurs geführt wird, der das hier [weist auf ein FPÖ-Wahlplakat] erst möglich macht?

Dame: Na was soll ich denn dafür können für die große Politik? Und mit den Ausländern, da muss man schon sagen: die jungen Ausländer sind teilweise wirklich unmöglich. Verstehen Sie mich nicht falsch - jenen, die Hilfe brauchen, denen muss unbedingt geholfen werden - dafür ist genug Raum da! Aber diesen jungen Extremisten und Drogendealern, gegen die muss härter vorgegangen werden.

Kilian: Aber von welchen Ausländern reden Sie denn da? Kennen sie denn solche persönlich?

Dame: Nein, das nicht, aber in der Zeitung berichten Sie ja immer - den Schottenring zum Beispiel, der ist ja nur ein Ort für junge, ausländische Drogendealer und die Polizei schaut da einfach weg.

Kilian: Aber Sie entnehmen das alles nur dieser Zeitung? Selber haben Sie es nicht gesehen?

Dame: Also so ist es nicht ... da kannte ich schon mal so jemanden, In Jugoslawien damals...das war ein Muslim, wirklich schlimm. Der kam immer so nett, aber dann hat er einen über's Ohr gehauen. Solche Ausländer muss man stoppen!

Kilian: Aber Sie kennen keinen von denen persönlich?

Damen: Na, dass sage ich Ihnen doch gerade: den jungen Herren zum Beispiel.

Kilian: Aber der war nicht in Österreich, wenn ich Sie recht verstanden habe?

Dame: Ja nein, aber die gibt es ja auch zuhauf in Österreich - da müssen Sie ja nur die Zeitungen lesen.

Kilian: Darf ich Ihnen hierbei einen kleinen Artikel zeigen und Sie fragen, was Sie dazu meinen? Es geht genau darum: um junge Ausländer und Drogendealer und den Schottenring ... ist aus der Österreich von 1ten April 2016 (S.14)1...

Dame: ...bitte...

Kilian: Ich lese vor: Flüchtling kaperte ein Polizeiauto - Mit Drogenkugeln in der Hand.
Eine mehr als seltsame Aktion lieferte in Wien ein 14-Jähriger Afrikaner.
Wien. Wild gestikulierend stand der Teenager Mittwochfrüh nahe der U-Bahn-Station Schottenring und forderte damit eine Polizeistreife auf, anzuhalten.
Kaum hatte sich der Dienstwagen eingebremst, riss der junge Mann auch schon die Hintertür des Pkw auf uns setzte sich auf den Rücksitz. Auf die Frage, was das solle und ob er Hilfe benötigte, reagierte der 14-Jährige überraschend: Er zündet sich eine Zigarette an und begann, hektisch zu rauchen. ...

Dame: Na höre's, das geht ja nicht - das weiß ja jeder, dass man im Polizeiauto nicht rauchen darf.

Kilian: Ja, aber wie deuten Sie die Situation bisher? Ein 14-Jähriger, frühmorgens, der einen Polizeiwagen anhält und dann hektisch hineinspringt...dem muss doch was passiert sein, oder?

Dame: Naja, rauchen darf er aber nicht im Auto - das muss er doch schon wissen, auch wenn er aus Afrika kommt.

Kilian: Aber man kann doch wohl schließen, dass er ziemlich aufgeregt war und vielleicht im Moment nicht daran gedacht hat, oder?

Dame: Na lesen's mal weiter...

Kilian: ... und begann, hektisch zu rauchen. Dem nicht genug.
Obwohl die Cops den Nigerianer mehrmals aufforderten, den Wagen zu verlassen, weigerte sich der Asylbewerber (der im Lager Traiskirchen lebt) standhaft. Also warum die hier angeben, dass der im Asylheim Traiskirchen wohnt, leuchtet mir nicht ein....

Dame: Lesen Sie zu Ende: Dealer oder Kokser schweigt zum Motiv Zu guter letzt zeigte der Afrikaner den Beamten sogar noch zwei Kugeln, deren Inhalt sich später tatsächlich als Kokain herausstellte. Der mutmaßliche Kokser oder Dealer oder einfach nur verwirrte junge Mann, der keine weiteren Angaben machte, wurde nach dem Suchmittelgesetz angezeigt. Na bitte, ein Drogendealer wie so viele, von den jungen Ausländern.

Kilian: Ja, aber finden Sie die Sprache wirklich normal, mit der davon berichtet wird? Ich meine, da liest man doch ganz eindeutig durch die Zeilen durch, dass das ein kleiner 14-Jähriger Junge war, der - was auch immer er gemacht hat - Angst bekommen hat und zur Polizei gelaufen ist...

Dame: Um eine zu rauchen, na hören sie...das darf man halt ned in einem Polizeiauto!

Kilian: Anscheinend ist ihm was Schlimmes zugestoßen, und er war panisch und hat sich im Reflex eine Zigarette angezündet, damit er sich etwas beruhigt.

Dame: Aber warum hat er dann nix gesagt? ...der keine weiteren Angaben machte, steht doch so in der Zeitung!

Kilian: Naja, es steht ja auch, dass er Asylbewerber ist - und wenn er 14 ist, wird er vielleicht noch nicht so lange da sein und so gut deutsch sprechen können. Und in der Nervosität hat er es vielleicht nicht geschafft, vor Polizisten, vor denen er ja vielleicht noch Angst hatte, frei zu reden...

Dame: Ist ja auch klar, war ja auch ein Kokser!

Kilian: Wirklich? Ist das so klar? Erinnern sie sich: 14! Und sie wissen doch auch, dass Asylbewerber nicht arbeiten dürfen und deswegen gar kein Geld legal verdienen müssen und in die illegale Erwerbstätigkeit abgedrängt werden... Also so wie ich das sehe, war das ein armer 14-jähriger Junge, der von irgendwem gezwungen wurde, mit Drogen zu dealen. Daraufhin hat er Angst bekommen, ist zur Polizei gelaufen und hat das Kokain ja sogar freiwillig hergezeigt, nicht? Klingt das nicht nach der plausibelsten Theorie?

Dame: Ja da haben sie schon recht...

Kilian: Aber wie berichtet die Österreich davon? In hohnvollen Ton berichtet sie davon und stellt den armen Kerl als "Scheiß Ausländer" dar: Zu guter letzt zeigte der Afrikaner den Beamten sogar noch zwei Kugeln, deren Inhalt sich später tatsächlich als Kokain herausstellte.Warum "sogar"? Warum "tatsächlich"? Dies ist doch keine sachliche Berichterstattung, sondern eine reißerische Entstellung eines tragischen und traurigen Vorfalls. Und so werden Ausländer fast immer in der Österreich dargestellt - als Drogendealer, Terroristen und Verbrecher. Und da meinen Sie wirklich, die Bilder von Ausländern sind nicht medial inszeniert?

Dame: Ja sie haben ja schon recht, das ist alles medial aufgebauscht und inszeniert. Aber was soll ich dagegen machen? So funktioniert die Welt der Macht und Großkonzerne halt! Und so wie das Ganze ist, steht die Welt eh nicht mehr lange. Wissens, das geht alles den Bach runter...

Hier wurde das Gespräch von meiner Freundin unterbrochen und die Dame und ich verabschiedeten uns freundlich.

der besprochene Artikel im gedruckten Original


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1Interessanter Weise ist die Print-Ausgabe dieses Artikels viel hetzerischer als die Online-Ausgabe. Oben ist der exakte Wortlaut des Printbeitrags vom 1/4/2016 aufgeführt, hier zum Vergleich die - länger einfach öffentlich einsichtliche - Online-Version desselben Vorfalls, datiert auf 31. März 2016 11:44.
Teenie zeigt Kokainkugeln im Polizeiauto her
Die Wiener Exekutive nahm den 14-Jährigen fest.
Die Besatzung eines Streifenwagens hat Mittwoch früh bei der Wiener Augartenbrücke ein eher bizarres Erlebnis gehabt. Die Beamten blieben kurz nach 8.00 Uhr bei einem 14-Jährigen stehen, der am Straßenrand wild gestikulierte, und fragten ihn nach seinem Befinden. Plötzlich setze sich der Jugendliche in den Streifenwagen, zündete sich eine Zigarette an und zeigte zwei Kokainkugeln her.Verwirrung
Mehrfach forderten die Uniformierten laut Polizeisprecher Roman Hahslinger den 14-Jährigen auf, den Wagen zu verlassen. Der aus Nigeria stammende Jugendliche weigerte sich jedoch und wurde daraufhin festgenommen. Die Drogenkugeln wurden sichergestellt. Das Motiv für die Aktion war nicht in Erfahrung zu bringen. Der 14-Jährige machte Hahslinger zufolge einen verwirrten Eindruck.

http://www.oe24.at/oesterreich/chronik/Teenie-zeigt-Kokainkugeln-in-Polizeiauto-her/229985215 [18/4/2016]

Sonntag, 24. April 2016

CANCELED & POSTPONED Werkstatt Österreich Heute - a workshop on contemporary media populism


---- english version below ----
Liebes Wien,
wir müssen den Workshop für morgen schweren Herzens ABSAGEN und VERSCHIEBEN - es gab sehr unerwartete Probleme in der Kommunikation bzw. Absprache.
Er wird jedoch nur verschoben - wir haben uns in den letzten Wochen viel mit dem Thema beschäftigt und freuen uns sehr das fortzuführen und zu vertiefen.
Ihr hört von uns sobald es einen neuen Termin gibt und freuen uns sehr euch dann zu sehen!
Eure Organisator_innen
----
Dear Vienna,
very sadly we have to CANCEL the workshop tomorrow, due to very unexpected malcommunication.

Though it will only be a CHANGE OF DATE, as we became more and more interested in the subject during the preparations and are very interested in pursuing it further.
You will hear from us as soon as there is a new date and will be very happy to see you there!
All the Best!
The Organisators


As I am writing this, I am under shock of the results of today's Austrian presidential election. 37% - with a huge, 16% gap to the second - elected a candidate with fearful closeness to proper neo-nazi-ideologies, campaigning with songs like "Austria, always & forever Austria" [Österreich, immer wieder Österreich]. Europe is moving in an extremely scary direction and Austria seems to have some leading position in that movement. One of the reasons for this is - arguably - Austria's extremely bad media (and the reign of "Kronen Zeitung"). In a workshop on the 3rd of May we'll do a research workshop on the populist free newspapers Österreich and Heute.
This might be a chance to reflect on what they do and produce in our society. Find the invitation below.

 Consternated.


--- short English version below ---

Liebes Wien,

in deinen Verkehrswegen flattern täglich Unmengen Gratiszeitungen herum. 1,1 Millionen produzieren Österreich (518.000) und Heute (633.000) jeden Tag. Manche betrachten sie als Müll, als willkommenes Entertainment, andere wenden viel Energie auf, um sich ihr zu entziehen. Anstatt diese Ressentiments mit großen Anstrengungen wegschieben zu müssen, fragen wir uns: Was, wenn wir Österreich und Heute als Ressourcen betrachten?
Was macht diese Zeitungen aus? Was kann man mit ihnen machen? Was lässt sich aus ihnen machen? Wie können wir im Alltag mit ihnen umgehen und wie sollen wir uns zu ihnen verhalten?
Diesen und weiteren Fragen wollen wir uns im Rahmen des Workshops Werkstatt Österreich Heute am 3.5 (Tag der Pressefreiheit) praktisch wie theoretisch widmen: wir wollen sehen, was sich aus Gratiszeitungen basteln lässt, wie sie – und Ihre Konsument_innen – auf Dekontextualiserungen reagieren, aber auch, wie ihre Inhaltspolitik funktioniert. Es geht uns darum, für einen zu wenig geführten Diskurs Raum zu schaffen, sowie auch ein konkreteres Verständnis der herrschenden Mechanismen zu erlangen. Diese wollen wir spielerisch zerlegen, analysieren und umgestalten, um sie auf uns sinnvoll erscheinendere Bahnen zu lenken.

Der Workshop findet am 3.5.2016 zwischen 12 und 18 Uhr statt und hat seinen Ausgangs- und Endpunkt in der Garage X (Werk X Eldorado / Curtain).
Dort wird es im Anschluss, um 20 Uhr, einen Disskussionsabend mit Informationen und Erfahrungsberichten geben, sowie später Auflegerei vom großartigen DJ-Duo lena:k (Maschinenraum) & Adorno (Entkunstung / Laissez faire).

Wenn ihr am Workshop teilnehmen wollt, bitten wir um Anmeldung unter werkstattoesterreichheute@gmail.com

Wir freuen uns über zahlreiche Mithandelnde und Mitdenkende!
das Organisator_innen-Team (Flora Löffelmann, Yasmin Ritschl und Kilian Jörg von philosophy unbound; Claudia Heu; Markus Schleinzer; Thomas Heindl)


was?     Workshop Werkstatt Österreich Heute
    im Rahmen des Primavera Festival für Menschenrechte (http://www.primaverafestival.at/)

wann?  3.5.2016, 12:00-18:00
     anschließend Diskussionsabend ab 20:00 Uhr

wo?     Garage X: Werk X- Eldorado, Petersplatz 1, 1010 Wien (http://werk-x.at/spielstaetten)

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Dear Vienna,

we are organizing a workshop on the two big populist free newspapers "Österreich" and "Heute". The aim is to find creative approaches towards them: We try to think of them as a resource (1,1 Million are printed every day) to experiment how we can make sense of them - in the most literal sense. This will happen in different ways from deconstructing the paper itself up to investigating its content policies and mechanisms.
Since the newspapers we are investigating are in German, there might be a certain language barrier -  However, if you like experimenting with paper and are curious about how to transform piles of Heute and Österreich - you are more than welcome to join, and might bring some insights German speakers are unable to see.

The Workshop will take place on 3rd of May from 12h to 18h at Garage X - Garage X: Werk X- Eldorado, Petersplatz 1, 1010 Wien (http://werk-x.at/spielstaetten) as a part of the Primavera Festival for Human rights (http://www.primaverafestival.at/). 
If you want to participate, please register under werkstattoesterreichheute@gmail.com

Best,
the organisators

Mittwoch, 20. April 2016

Postkarte aus der Kunstblase

Brandon LaBelle's Imaginary Politics

Während wir auf den Lift warten, der uns in die Penthouse-Studios in den obersten Stockwerken eines alten Herrenhaus im Wiener ersten Bezirk fahren wird, rollt die bekopftuchte Putzfrau mit ihrem Wagen heran, schließt das Studio der Malereiklasse auf und stöhnt laut auf: der ganze Raum ist Chaos, leere Flachen und Becher liegen überall herum, man sieht dem Boden förmlich an, wie klebrig er ist.
"Ahja - Künstler_innenhedonismus" lächelt meine Freundin betreten der gebückten Frau Mut zu, als wir einsteigen.
Im Lift führt sie weiter aus "Man darf nicht glauben, dass Künstler_innen bessere Menschen sind. Oft benehmen die sich am meisten daneben und man darf nicht vergessen, dass sie von den schlimmsten Leuten ihr Geld verdienen."

Oben lauschen wir dann Brandon LaBelle's säuselnder Stimme in dessen Workshop. Er präsentiert uns eine Auswahl seiner bisherigen Arbeiten, die er in den großen Gallerien der Welt von Chile bis Deutschland verwirklicht hat. Der Anglosachse erläutert uns mit surreal ausgeglichener Stimme, wie seine Arbeit für die Canada Games ("Rehearsal  for a People's Microphone") eine Taktik der Occupy-Bewegung reflektiere. Die Stimme, die, von anderen Stimmen weiter getragen, das technische (von Elektrizität und anderen Infrastrukturen abhängige) Mikrophon ersetzt, um so unabhängiger von staatlicher Macht zu sein, wurde zurück in die Maschine übersetzt: ein Lautsprecher sprach einen bewusst nichts sagenden Text vor, den zwei andere Lautsprecher mechanisch nachsprachen. Dieser Geistermob fuhr auf einem Lastwagen durch die Spielstätten der - von u.a American Express, Deloitte und Konica Minolta gesponstorten - Canada-Games.
Auf die Frage, ob dies die Effizenz dieser politischen Methode verstärke oder schwäche, entgegnete LaBelle in gleichbleibend ausgeglichener Stimme "I think it did both" und auf die Frage, was er damit genau beabsichtigte und ob er mit seiner Arbeit nicht jene subversive Strategie genau - und ganz buchstäblich - jener Maschine einspeiste, die sie eigentlich bekämpfte, antwortete er: "I haven't thought about it yet" wonach er mit irgendwelchen selbstverliebten Kram über seine Arbeit ausholte, wobei er die New Materialists und andere zur Zeit schicke Philosoph_innen schlecht zitierte.
Politik, so verkündete er auch irgendwann mal, sei ein sehr relatives Unternehmen - es hänge sehr davon ab, von wo und wie man es betrachtet und die Beeinflussungen sind ebenso sehr subtil. Was man aus einer Perspektive als kaptialistische Vereinnahmung sehen kann, hat auf der anderen Seite viel gestalterisches Potential. Am Nachmittag stand eine Exkursion in eine Shopping-Mall am Programm, um sie auf ihre akustischen Eigenschaften hin zu untersuchen.
Dann stieg er wohl wieder in den Flieger und jettete in die nächste Großstadt, um den nächsten weißgestrichenen Klassen- oder Gallerieraum mit seiner well-balanced Stimme zu erfüllen.

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